Jeder Mensch verkörpert die ganze Welt.

 

Judith Milberg im Gespräch mit Eva Karcher

 

Frau Milberg, weshalb haben Sie für Ihre Ausstellung den Titel Kambrium gewählt?

Das Kambrium ist eine Periode der Erdgeschichte. Es markiert die erste Ära, in der infolge der sogenannten kambrischen Explosion vor etwa 540 Millionen Jahren Flora und Fauna, also die ersten Pflanzen- und Tierstämme in großer Vielfalt entstanden. Vor allem Würmer, Schwämme, Gliederfüßler und Nesseltiere entwickelten sich, außerdem planktonische Algen. Das Klima war heiß und tropisch mit hoher Luftfeuchtigkeit. Kurz, in diesen 60 bis 70 Millionen Jahren entfalteten sich die Anfänge des Lebens, so wie wir es heute kennen. Meine Arbeiten kreisen um Fragen wie: Wo fing alles an? Wie sieht der Ursprung aus?

Wie stellen Sie sich den Urknall vor?

Kosmologen datieren den Urknall auf einen Zeitpunkt vor 13,8 Milliarden Jahren. Damals entstanden Materie, Raum und Zeit. Die Energie des Urknalls können wir uns unmöglich vorstellen! Aber eigentlich sind wir alle Energie. Unser Körper besteht, physikalisch gesehen, zu circa 75 Prozent aus Wasser. Auf chemischer Ebene schaffen Atome, Moleküle - das sind Kombinationen von Atomen - und die chemischen Bindungen zwischen den Atomen ein energetisches Netzwerk, auf dem jeder Lebensprozess beruht. Das alles interessiert mich brennend.

Von welchen Atomen oder Molekülen sprechen Sie?

Organische Moleküle sind zum Beispiel Kohlenhydrate, Lipide, also Fette, Cholesterin, Steroide und Proteine. Wenn ich arbeite, stelle ich mir Fragen wie: Ist Zellteilung die Urform der Kommunikation? Oder denke darüber nach, dass wir Menschen im Materie-Zeit-Raum-Kontinuum eines universellen Schaffens überhaupt keine Rolle spielen. Dennoch aber verkörpert jeder von uns die ganze Welt! Das Universum ist ungreifbar groß, doch es kann auch unvorstellbar klein sein. Dieses Mysterium versuche ich, in meinen Werken sichtbar zu machen.

Beginnt jedes Bild, jede Skulptur mit einer Art Urknall?

So ähnlich. Mit einem Gefühl, das einer inneren Explosion gleicht. Ich verorte mich mit jeder Arbeit neu, und dabei ist mein Körper mein Werkzeug. Niemals höre ich Musik, ich brauche totale Stille. Und ich arbeite nicht, wie viele Künstler, an mehreren Werken gleichzeitig, sondern vollende eine Arbeit nach der anderen. Wenn ich ein Bild abgeschlossen habe, schließe ich die Augen, drehe mich um, gehe fünf Meter zurück, atme tief ein und entleere meinen Kopf von allen Vorstellungen und Gedanken. Dann sehe ich mir die Arbeit erneut an und weiß sofort, ob ich noch etwas hinzufügen oder wegnehmen muss.

Ist Ihr Arbeiten experimentell?

Sehr. Denn ich brauche die totale Freiheit des Möglichen. Also probiere ich viele Materialien und Techniken aus. Zum Beispiel setze ich eine Tinte aus Kupfer, versetzt mit einem bestimmten Essig, selbst an und verschmelze sie mit Interferenz- und Metallpigmenten. Schon immer war ich eine leidenschaftliche Handwerkerin. Ich kann mit allen Maschinen umgehen, es gibt keine Grenzen für mich. Tatsächlich arbeite ich sehr intensiv mit meinen Händen. Pastellkreiden, Kohle und Pigmente reibe und massiere ich zum Beispiel mit großem Kraftaufwand in Papier, Holz und Naturleinwand ein. Es ist ein körperlich intensiver Dialog mit dem Material, bei dem ich die Papierstruktur oder die Maserung des Holzes einbeziehe.

Umso erstaunlicher das Ergebnis. Viele Schattierungen überlagern sich in transparenten Lasierungen. Alles wirkt leicht, ohne jede Kraftanstrengung.

Ja, es ist hauchfeiner Farbstaub, in vielen Schichten und Farbnuancen gemixt. Grün, türkis, blau, gelb, rot, Rosé, Gold, Purpur…. Eine seidige Puderschicht liegt über den Bildern. Wie Schmetterlingsflügel.

Erst vor kurzem haben Sie begonnen, auch Skulpturen aus Ton zu formen. Ist dies ein wichtiger Schritt für Ihre Arbeit?

Ein sehr wichtiger - und ein überfälliger.

Es gibt viele kubische, tektonische und dynamische, kugelige Elemente.

Genau. Ich bearbeite die Tonfigurinen mit dem Material Graphit - so lange, bis sie eine Vielschichtigkeit und einen Facettenreichtum erreichen, die man buchstäblich erst begreift, wenn man um sie herum geht. Am Ende wird der Ton gebrannt, ein weiteres Mal mit Graphit beschichtet und poliert. So entsteht dieser besondere Glanz, ein dunkelmatt leuchtendes Glühen. Graphit ist reiner Kohlenstoff, in seinen Verbindungen die Grundlage allen Lebens. In seiner Reinform kennen wir ihn als Diamanten. Diamant ist das härteste natürliche Material. Wenn ich das Element Graphit in den weichen Ton einarbeite, fühle ich mich als Teil eines kosmischen Schaffensprozesses. Das plastische Arbeiten ist eine Offenbarung für mich. Vielleicht hat das auch mit meiner Synästhesie zu tun.

Inwiefern?

Ich höre Farben und sehe Töne. Jeder Synästhet besitzt seinen eigenen Farben-Kodex, ein inneres Regelsystem, das nicht der äußeren Realität entspricht. Ich sehe auch keine Gegenstände, sondern Formen und Strukturen und ihre Formationen zueinander. Dabei wechselt meine Wahrnehmung zwischen dem mikroskopisch Winzigen und dem makroskopisch Gigantischen hin und her. Gewissermaßen zwischen Blütenstaub und Blume. Eigentlich ist es das, worum meine Arbeit kreist: Ich versuche, Entstehungsprozesse des unvorstellbar Kleinen und ungreifbar Großen sichtbar zu machen.

Als Kind haben Sie ständig gezeichnet und gemalt und seit 17 Jahren widmen Sie sich, nach vorausgegangenen Stationen als Kunstmanagerin und Kuratorin, ausschließlich Ihrer Kunst. Doch erst vor drei Jahren haben Sie zum ersten Mal ausgestellt. Warum?

Eine gute Frage. Künstlerin zu sein, heißt für mich, den inneren Weg zur Form zu finden. Das ist ein sehr persönlicher und intimer Vorgang. Es dauerte, bis ich bereit war, meine Werke auszustellen. Vielleicht war auch meine große Materialsammlung eine Brücke zur Öffentlichkeit.

Was meinen Sie?

Ich bin von Dingen aller Art geradezu besessen. Von ihrer Stofflichkeit, ihren Texturen, Farben, ihrer Haptik, den Formen. Dem Variationsreichtum vom synthetischen Billigpolymer über Edelmetalle bis zum rostigen Blech. Mich ziehen nicht die luxuriösen Gegenstände an, sondern die gebrauchten, alltäglichen, die nützlichen und unscheinbaren. Fundstücke, die mir auffallen von Polsterbändern und Spiralkratzern über gebrauchte Alubackformen und Seile bis zu alten Werkzeugen. Meine Sammlung von Dingen ist enorm – das sind 200 Quadratmeter Material!

Was fasziniert Sie so sehr?

Diese Dinge erzählen Geschichten von Menschen. Menschen hielten solche Sachen in der Hand, weil sie sie liebten oder brauchten. Mich interessieren allerdings nicht die Menschen, sondern die Objekte an sich. Sie sind Verdichtungen individueller und kollektiver Geschichten. Ready Mades aus Spuren, die wir Erdbewohner auf der Erde hinterlassen. Sie sind meine ureigensten Artefakte, die ich ausgegraben habe. In diesen Dingen manifestiert sich meine ganz persönliche Archäologie.

Stichwort Archäologie: Ihre Mutter ist Ägyptologin, Ihr Vater Geologe…

Richtig! Wir drei Schwestern sind mit Gesteinen und Ausgrabungen aufgewachsen. Zum Teil schöpfe ich auch aus diesem Erlebnisschatz. Auf meine Weise lege ich Schichten frei. Es geht auch um innere Ausgrabungen, Entfaltungen, Bildnisse meines inneren Selbst.

Beschäftigen Sie sich mit Naturphilosophie?

Seit langem. Mich interessiert das Wunder Natur. Ein Buch, von dem ich begeistert bin, ist Emanuele Coccias „Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen“. Es ist hinreißend, wie Coccia Pflanzen als geniale Handwerker beschreibt, die zwischen Erde und Sonne vermitteln und verborgene zweite Körper im Boden besitzen. Auch Giordano Bruno, der Priester, Dichter, Philosoph und Astronom der Renaissance fasziniert mich mit seinen Thesen von der Unendlichkeit des Weltalls und seinem Pantheismus - der Überzeugung, dass Gott eins mit dem Kosmos und der Natur ist. Er war ein Visionär und wurde dafür 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Was bedeutet Kunst für Sie?

Kunst schaffen, ist Empathie. Sie trägt dazu bei, uns für das Geschenk des Lebens zu sensibilisieren. Das Leben ist ein Geschenk. Darüber bin ich mir jeden Tag bewusst.

 Every person embodies the whole world

 

Judith Milberg in conversation with Eva Karcher

 

 

Ms. Milberg, why did you choose the title ‘Cambrian’ for your exhibition?

Cambrian is a period in the earth’s history. It marks the first era in which flora and fauna – in other words the first botanical divisions and animal phyla – developed in any great variety around 540 million years ago, as a result of the so-called Cambrian Explosion. Worms, sponges, anthropods and cnidaria evolved in particular, as well as planktonic algæ. The climate was hot and tropical with a high level of humidity. Basically speaking, within these sixty to seventy million years life on earth as we know it today found its beginnings. My works revolve around the questions: Where did everything start? What did the origin of the world look like?

 

How do you imagine the Big Bang?

Cosmologists date the Big Bang to 13.8 billion years ago when material, space and time were created. It is impossible for us to conceive the energy of the Big Bang! But, really, we are all energy. Physically speaking, our bodies are made of up to around 75 percent water. On a chemical level, atoms, molecules – groups of atoms – and the chemical bonds between atoms form an energy field on which all vital processes are based. All this I find incredibly interesting.

 

What groups of atoms or molecules are you referring to in particular?

Organic molecules, for example, include carbohydrates, lipids, in other words fat, cholesterol, steriods and proteins. When I work I ask myself questions such as: is cell division an archetypical form of communication? Or I think about how we humans play absolutely no role within the material, space and time-related continuum of universal creation. Nevertheless, every person embodies the whole world! The universe is unfathomably huge but it can also be unimaginably small. I try to render this mystery visible in my works.

 

Does every picture, every sculpture start with a kind of Big Bang?

Something similar. With a feeling rather like an inner explosion. I position myself anew with every work, using my own body as a tool to achieve this. I never listen to music; I need total silence. And, unlike many other artists, I don’t work on several works at the same time but complete one work after another. When I have finished a work I close my eyes, turn around and step back five metres or so, take an deep breath and empty my head of all my ideas and thoughts. Then I have another look at my work and know straight away if I need to add something or take something away.

 

Is your work experimental?

Very much so. I need total freedom within the bounds of what is possible. I experiment with all sorts of materials and techniques. For example I make a copper-based ink myself with the additon of a specific type of vinegar and mix it with interference and metallic pigments. I have always been a passionate hands-on person. I can work with all sorts of machines; there are really no limits for me. I work very intensively with my hands. I rub and massage pastel chalks, charcoal and pigments onto paper, wood and natural canvases, for example, and that takes a considerable amount of energy. It is a physically intensive dialogue with the material which also involves the structure of the paper or the grain of the wood.

 

All the more surprising the result. Many different shades of colour overlap one another in thin, transparent layers. Everything seems very light, devoid of physical exertion.

Yes; an extremely fine coloured dust goes to make up the many different layers and nuances of colour. Green, turquoise, blue, yellow, red, pink, gold, purple … A silky layer of powder covers my pictures. Like the wings of a butterfly.

 

Only recently have you begun to make clay sculptures as well. Is this an important development in your work?

A very important one – and long-overdue.

 There are lots of cuboidal, tectonic and dynamic spherical elements.

Exactly. I work my clay figures with graphite – for a long time until they gain a multi-layered and richly faceted quality that you only really understand when you literally walk around them. The clay is then fired, given another graphite layer and polished. That is how this particular sheen is created; a dark matt, radiant glow. Graphite is pure carbon; its compounds are the basis of all living things. In its purest form we know it as diamond. Diamond is the hardest natural material. When working graphite into the soft clay I feel part of the cosmic creative process. Sculpting is a revelation for me. Perhaps that has something to do with my synesthesia.

 

To what extent?

I hear colours and see sounds. Every synesthete has his or her own colour codex, an inner regulatory system that does not correspond with outer reality. Similarly, I don’t see objects as such but shapes and structures and their reciprocal formations. In the process my perception shifts back and forth between the microscopically minute and the macroscopically gigantic – as it were, between pollen and flowers. That is really what my work revolves around: I try to render visible the formation process of the unimaginably small and the unfathomably huge.

 

As a child you were always drawing and painting and for the past seventeen years, after previously working as an art manager and curator, you have devoted yourself exclusively to your art. But it wasn’t until three years ago that you had an exhibition. Why?

Good question. Being an artist, for me, means finding the inner path to a form. That is a very personal and intimate process. It took its time until I felt ready to exhibit my works. Perhaps my large collection of materials formed a bridge into the public sphere.

 

What do you mean?

I’m totally obsessed about all types of things. About their materiality, their textures, colours, haptic, their shapes. About their rich variety ranging from cheap synthetic polymers to precious metals or rusty sheets of iron. I’m not attracted by luxury objects but by used, everyday things, by the useful and unprepossessing. Found objects that catch my attention, from strips of upholstery or used aluminium baking dishes to ropes or old tools. My collection of things is enormous – 200 square metres of materials!

 

What fascinates you so much about them?

These things have stories to tell about people. People once held the things in their hands because they liked them or used them. I’m not interested in the people but in the objects as they are. They are consolidations of individual and collective histories. Ready-mades from traces that we terrestrials leave behind on the earth. They are artefacts of my very own that I have unearthed. My very personal archaeology is manifested in these things.

 

Speaking about archaeology: your mother is an Egyptologist, your father a geologist …

That’s right. We three sisters grew up with rocks and excavations. To a certain extent I draw on this treasure trove of experiences, too. In my own way I expose layers. It has to do with inner excavations, elaborations, images of my inner self.

 

Do you busy yourself with natural philosophy as well?

I have done for a long time. I’m interested in the wonder of nature. One book that I’m particularly enthusiastic about is Emanuele Coccia’s Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen (The Roots of the World. A Philosophy of Plants). It is fascinating how Coccia describes plants as ingenious workers acting as mediators between the earth and the sun and possessing a second hidden body in the ground. Giordano Bruno, the friar, poet, philosopher and cosmological theorist of the Renaissance fascinates me with his theses on the infiniteness of the universe and his pantheism – the conviction that god, the cosmos and nature are identical. He was a visionary and, as a result, was burnt at the stake in 1600.

 

What does art mean to you?

Creating art is empathetic. It helps sensitise us to the gift of life. Life is a gift. I’m very aware of that every day.